Klare Kante

Bei einer Villa gleich neben dem ehemaligen Reininghaus-Brauereigelände in Graz setzte man auf eine hochwertige Revitalisierung des Altbestands und damit einen Gegenpol zur massiven Bautätigkeit in einem über 6 Hektar grossen Infrastrukturprojekt im Westen der Stadt. Architekt Jan-Christian Heuser sprach mit den PREFARENZEN über menschliche Dimensionen und mutige Bauherren. Ausserdem verraten wir Ihnen, was das Motiv der neuen PREFA Fassade mit alter Schwarz-Weiss-Fotografie gemein hat.

Portrait von Jan-Christian Heuser mit Modell der Reininghaus Villa.

Jan-Christian Heuser

„Die Bauherren, die sich um Bestand kümmern, die sich etwas trauen, die muss man unterstützen.“

„Wertvoll wohnen“?

Bevor er Architekt wurde, war er technischer Zeichner. Er selbst zähle sich noch zur Generation Handwerk. „Ich habe mir dieses hands-on in meiner Arbeit als Architekt beibehalten und baue meine Modelle noch selbst“, sagt Jan-Christian Heuser. Das helfe ihm den Massstab zu wahren und die menschliche Komponente beim Planen nicht aus den Augen zu verlieren. Der grossgewachsene Architekt, der unweit des neuen Stadtviertels in Graz lebt und arbeitet, wollte ein kleines Reininghaus erschaffen, das Bestand erhält und den Menschen wieder in den Mittelpunkt rückt.

Überblicksaufnahme vom Reininghausquartier mit sämtlichen Neubauten.

Flair und Reiz des Fundus

Ein weiterer wichtiger Zugang zur Architektur ist für Heuser ein tief in der Geschichte verwurzelter. Damals hat man noch anders gebaut: „In der Gründerzeit entstanden solide Bauwerke“, sagt Heuser. Steinbau, ziegelgemauerte Keller, Kamine und Quermauern würden zu einer sehr guten Statik beitragen. Ausserdem verliehen die hohen Räume und hochwertigen Materialien Gebäuden wie der Stadtvilla einen unglaublichen Charme. Das und vieles mehr motivierte den Architekten, sich in den letzten Jahren mehr und mehr aufs Bauen im Bestand zu fokussieren.

Ansicht der Villa von der Straße aus.

Hochwertig und mehr

Um einen Teil der Baukosten zu decken und erste Einnahmen zu generieren, wurden zunächst die bestehenden Wohnungen saniert und sogleich vermietet. Erst dann folgte die Aufstockung. „Ich fühlte mich wie ein römischer Konstrukteur“, erzählt Heuser. Er holt sein Skizzenbuch hervor und erklärt uns den Vorgang: … Normalerweise setzt man während eines solchen Prozesses durch das ganze Gebäude Stützen hindurch. Das war wegen der fertig sanierten und bereits bewohnten Wohnungen jedoch nicht möglich. Also kam man auf die Idee, im zweiten Stock innenseitig Stahlseile zu verwenden und durch Zugkraft die mit Beton befüllte Holzkonstruktion wie eine Brücke zu stabilisieren.

Ansicht der Villa von der Hofseite aus.

Aus zwei mach vier

„Auf das Beton-Fundament setzten wir dann ein Voll- und ein Dachgeschoss und generierten damit eine zusätzliche Wohnfläche von etwa 250 m²“: Wie er uns anhand des Modells zeigt, befinden sich darin zwei Wohnungen und ein zweistöckiges Penthouse.

Ansicht des obersten Geschosses und des Dachgeschosses.

Abstrakte Symbolkraft

Die neue PREFA Fassade reflektiert die Materialoberfläche einer Industriegeschichte aus längst vergangenen Zeiten: Auf dem weitläufigen Reininghaus-Areal befanden sich einst Brauerei und Industrieanlage. Nachdem die Brauerei zur Zeit des Nationalsozialismus mit der Brauerei in Graz Puntigam zwangsfusioniert wurde, lag das Areal jahrzehntelang brach und stellte zugleich die größte innerstädtische Grünfläche mit historischem Industriebestand dar. Schon seit gut zehn Jahren wurde nun an einem neuen Quartier geplant, das in etwa 10.000 Wohnungen bereitstellen sollte. Die österreichische Zeitung Der Standard schreibt im Oktober 2020: „Die Herausforderung wird sein, dem Viertel Leben einzuhauchen.“ Die Frage steht nach wie vor im Raum: Ist das Projekt nicht ein Stück weit zu gross gedacht? Jan-Christian Heuser spricht bei den mehrstöckigen hohen Wohnhäusern vom grossen Reininghaus. Am östlichen Ende des Quartiers wurde auch das neue Kundenservicecenter eines grossen österreichischen Verkehrsclubs von seinem Büro realisiert.

Ansicht von der angrenzenden Werkstatt aus.

Aber zurück in die Brauhausstrasse im Westen des Quartiers: Unmittelbar neben der Villa befindet sich eine Werkstätte, deren Fassade und Fenster im Rahmen der Sanierung erneuert wurden. Das Dach der Werkstätte besteht bislang noch aus den für alte Industriegebäude typischen Faserzementplatten, welche bei genauerer Betrachtung interessante Farbschattierungen und Muster bilden: Hier bemoost, dort ausgeblasst, hier eine ältere, da eine neuere, dunklere Oberfläche. An dieser Beobachtung und Faszination für ein auf den ersten Blick unscheinbares Detail orientiert sich das Motiv, welches Jan-Christian Heuser mit seinem Team entwickelte. Mit der Wandraute 29 × 29 in den Farben Anthrazit, Hellgrau, Prefaweiss und Dunkelgrau interpretierte er die Farbschattierungen der alten Dachlandschaft neu. „Ich wollte dadurch eine flüchtige Erinnerung evozieren“, so der Architekt. Er hätte nicht in Farbe nachzeichnen wollen, sondern wollte auf abstrakte Weise so etwas wie eine alte Schwarz-Weiss-Fotografie durchscheinen lassen. „Die sehr präzise Ausführung der Fassade ist das Ergebnis einer gelungenen Zusammenarbeit mit der Spenglerfirma von Franz Stebegg“, sagt Jan-Christian Heuser.

Im Vordergrund: Das alte Dach der Werkstatt. Hinten: das neue Dach der Reininghausvilla.

Nach oben hin offen

Die klaren, scharfen, diamantartigen Kanten der schwarz-weiss gescheckten Fassade des Dachgeschosses stechen schon aus der Ferne ins Auge. Es handelt sich hierbei um eine objektbezogene Sonderlösung. Die Wandrauten wurden ausgehend von den Kanten entlang einer Schattenfuge verlegt. Auf Schienen, welche normalerweise die Ecken von aussen umhüllen, konnte man bei dieser Verlege-Variante verzichten. Dadurch erzeugte man definierte Übergänge und verlieh der Aufstockung ein tailliertes Outfit. Die Terrasse des Penthouses öffnet die Villa auf der westlichen und auf der südlichen Seite. „Wir haben hier wie mit einem Kuchenmesser ein Stück abgeschnitten“, umschreibt es der Architekt. Im Osten richten zwei grosse, raumhohe Fenster den Blick aufs neue Wohnquartier.

Aufnahme von der Terrasse des Penthouses von der südlichen Kante aus.
Aufnahme von der Terrasse des Penthouses von der nördlichen Kante aus.
Nahaufnahme von der Dachkante.
Aufnahme der Skizze zur Dachverarbeitung an den Ecken.

Mit Liebe zum Detail entstand mittels wertiger Materialien auch ein stimmiges Interieur: Die Massivholzböden wurden vom Bauherrn selbst geschliffen und hohe Räume sowie Flügeltüren tragen ihren Teil zur Altbauästhetik bei. Insgesamt halten sich bei dem Projekt Alt und Neu die Waage, schätzt es Jan-Christian Heuser ein. Denn: Neben dem Altbestand samt Aufstockung soll bald ein Neubau anschliessen und das Projekt um elf Wohnungen erweitern. „Holland-Haus nennt der Bauherr das dreiteilige Haus, das wie die musikalische Rondoform auf der Wiederholung einzelner Teile wie hier dem Satteldach rechts und links basiert“, erzählt Heuser.

Es scheint, der Gemeinschaftsgarten hinter der Werkstätte möchte sich unserer Zeit entziehen. Und auch die Geschichte der Häuser an der Brauhausstrasse schreibt sich in ihrem eigenen Tempo. Was alles mit einem alten, heruntergekommenen Haus begann …

Aufnahme der Villa mit Landschaft Richtung Südwesten.

Reininghausvillen - Details

Land:

Österreich

Objekt, Ort:

Mehrparteienhaus, Graz

Kategorie:

Aufstockung

Architektur:

Jan-Christian Heuser

Verarbeiter:

Franz Stebegg

Material:

Wandraute 29 x 29

Farbe:

P.10 Anthrazit, P.10 Hellgrau, P.10 Prefaweiß, P.10 Dunkelgrau

Weitere Infos:

Interview: Mara J. Probst
Text: Mara J. Probst
Fotos: © Croce & Wir